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Berufsrisiko Allergie

Fakten und Tipps für Unternehmer und Beschäftigte

Jeder 5. Deutsche leidet unter einer allergischen Erkrankung. Etwa ein Drittel davon ist beruflich bedingt. Knallharte Fakten und überraschend hohe Zahlen ...


Bei einer Allergie handelt es sich um eine Überreaktion des Immunsystems, bei der sich verstärkt körpereigene Eiweiße (Antikörper wie IgG, IgE -> Histamin) oder Abwehrzellen, sogenannte T-Zellen, bilden. So entsteht eine individuelle Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten Stoffen. Gefeit ist davor niemand, aber bereits sensibilisierte oder immungeschwächte Personen sind besonders gefährdet. Eine Allergie kann den Betroffenen unmittelbar (Typ I: Sofortreaktion: zum Beispiel durch Mehlstaub) oder zeitlich verzögert mit einem Ekzemtyp (Typ IV: Spätreaktion:  Kontaktallergie wie etwa bei Nickel, Kupfer) erwischen.



Über 20.000 bekannte Allergene schwirren durch die Welt

Gräser-, Kräuter-, Baum-, Blütenpollen, Milben, Hausstaub, Tierhaare, Schimmelpilze, Nahrungsmittel oder Insektenstiche lösen Allergien aus. Aber auch Stoffe, Gemische und Erzeugnisse, mit denen viele Beschäftigte jeden Tag in ihrem Beruf in Kontakt kommen, sind allergen. Dazu gehören produktionsbedingter Staub, Aerosole, Konservierungsmittel, Duftstoffe, Farbbestandteile, Lösemittel, freigesetzte Materialien von nicht sachgemäß arbeitenden Fremdfirmen  (Beispiele: gefahrstoffhaltiger Holz- oder Baustaub, Schimmel, Aerosole, Gase). Bei Symptomen wie Niesen, Jucken, Brennen, Husten, Rötungen, Entzündungen, Ekzembildung und Schwellungen, Durchfall, Übelkeit, Geschmacksveränderungen, unbekannten Schmerzen in den Atemwegen, der Haut, der Augen oder des Magen-Darm-Trakts sollten Sie auf jeden Fall wachsam werden. In Einzelfällen können allergene Stoffe auch einen anaphylaktischen Schock auslösen!



Allergien und Beruf

Beschäftigte kommen am Arbeitsplatz häufig mit atemwegs- oder hautsensibilisierenden und allergieauslösenden Stoffen in Kontakt - entweder direkt mit der Haut oder durch Einatmen der Allergene, die entweder natürlichen (Mehl-, Futtermittelstaub ...) oder chemischen Ursprungs (Isocyanate, Dicarbonsäureanhydriden, Chloroplatinaten und Enzyme, Druckfarbbestandteile, Kleberbestandteile ...) sein können.


Allergien am Arbeitsplatz sind in der Regel sehr unangenehm und können die Gesundheit langfristig schädigen. Weiterer Nebeneffekt: Oft werden auch Medikamente gegen Allergien eingenommen, die Nebenwirkungen wie etwa Müdigkeit haben können.


Allergisch bedingte Haut- und Atemwegserkrankungen können als Berufskrankheit anerkannt werden, so etwa das Bäckerasthma oder Hauterkrankungen im Friseurberuf. Sie haben nach der Berufskrankheitenverordnung (BKV) die Berufskrankheitennummer 4301. Beschäftigte aus den Bereichen Druck- und Papierverarbeitung, Holzverarbeitung, Metallverarbeitung, Lackiererei, Krankenhaus, Bau-,  Kfz-Branche sind zwar seltener betroffen, es können aber trotzdem beruflich bedingte allergische Erkrankungen auftreten.


Folgende Anzeichen lassen eine berufsbedingte Allergie vermuten:

  • Die Symptome treten während der Arbeit auf. Nach Feierabend, am Wochenende und im Urlaub verschwinden sie.
  • Behandlungen sind nur kurzfristig erfolgreich.
  • Die allergischen Symptome sind auf Hautareale begrenzt, die mit Berufsallergenen in Kontakt kommen (Gesicht, Hände, Atemwege ...).


Ein Allergie-Tagebuch kann Beschäftigten gemeinsam mit dem Betriebs-, Haus- oder Facharzt dabei helfen, den oder die Allergieauslöser ausfindig zu machen und einen chronischen Verlauf (unter anderem allergisch bedingtes Asthma oder Neurodermitis) zu verhindern.


Übrigens: Verwaltungsberufe, kaufmännische Berufe, Beschäftigte in der Datenverarbeitung oder im therapeutischen Bereich haben ein geringeres beruflich bedingtes Allergierisiko, da sie in der Regel seltener mit allergieauslösenden Stoffen in Kontakt kommen.



Was können oder müssen Sie als Unternehmer tun? 

Als Unternehmer müssen/sollten Sie …

  • das Thema in der Gefährdungsbeurteilung nach Arbeitsschutzgesetz und Gefahrstoffverordnung/Biostoffverordnung fachkundig bewerten (lassen). Offene Gespräche mit den Beschäftigten und Arbeitsplatzbegehungen sind dafür erforderlich. Nötig sind eine Expositionsermittlung, eventuell ein Biomonitoring, berücksichtigen Sie besondere Personengruppen (zum Beispiel werdende Mütter), nehmen Sie eventuell Rotationen/Umsetzungen bei den Arbeitsplätzen vor.
  • die korrekte Kennzeichnung von Gefahrstoffen sicherstellen,
  • aktuelle für alle Beschäftigten einsehbare Sicherheitsdatenblätter vor- und das Gefahrstoffverzeichnis auf dem Laufenden halten. Sensibilisierende Stoffe sind in der Regel ab 0,1% im Sicherheitsdatenblatt und auf dem Etikett anzugeben, Zubereitungen sind ab 1% zu kennzeichnen; für Stoffe ist die Regelung strenger.
  • Ersatzstoffprüfungen vornehmen und dokumentieren. Dabei sind auch der Reinigungs- und Hygieneplan als auch die Hautschutz-, pflege- und reinigungsmittel sowie persönliche Schutzausrüstung (PSA) wie etwa Latex-Handschuhe zu berücksichtigen.
  • das Gebäudeschadstoffkataster des Betriebsgebäudes einbeziehen.
  • Nichtraucherschutz konsequent umsetzen.
  • die Einwirkungsdauer und -häufigkeit von potenziell allergenen Stoffen minimieren. Hier gilt es etwa, Arbeitsbereiche einzuhausen oder Absaugung an der Entstehungsstelle sowie geschlossene Systeme einzusetzen.
  • ein Be- und Entlüftungskonzept erstellen, damit die Luftbewegungen der Allergene minimiert werden.
  • vom Betriebsarzt prüfen lassen, ob und wenn ja inwieweit regelmäßige arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen erforderlich sind.
  • klima- oder raumlufttechnische Anlagen regelmäßig prüfen lassen und Filter fachkundig wechseln lassen.
  • Industriesauger der Klasse M bereitstellen.
  • Pollenschutzgitter/Pollenschutzfilter in Kraftfahrzeugen, Kabinenfilter in Erdbaumaschinen vorweisen.
  • ein neutrales Bindemittel einsetzen und befeuchtende Maßnahmen vornehmen, anstatt Stäube einfach zusammenzufegen oder mit Druckluft/Hochdruck abzublasen.
  • die Präventionsabteilung der zuständigen Berufsgenossenschaft beziehungsweise das zuständige Gewerbeaufsichtsamt kontaktieren und sich fachmännisch beraten lassen.
  • das Thema „Allergien“ gegebenenfalls in der Arbeitsschutzausschusssitzung und in den Unterweisungen behandeln.
  • Caterer auswählen, die auf Nahrungsmittelallergien, wie Intoleranzen für Gluten, Weizen, Laktose ..., eingehen und entsprechende Gerichte anbieten.
  • eine aktive Pausengestaltung sowie Entspannungsmöglichkeiten anbieten.
  • das Thema „Allergien“ bei einem betrieblichen Gesundheitstag darstellen, zum Beispiel in Kombination mit  den Themen Raucherentwöhnung, Bewegung, Hautpflege, Ernährung.
  • bedenken, dass Jugendliche einer dokumentierten Erstuntersuchung bedürfen.



Hilfreiche Tipps für Beschäftigte:

  • Erkundigen Sie sich vor Antritt des Ausbildungsplatzes/Arbeitsplatzes, ob es Stoffe gibt, die Allergien auslösen, um das persönliche Erkrankungsrisiko einschätzen zu können. Besonders für vorbelastete Personen ist das wichtig!
  • Besteht eine Allergie, dann informieren Sie vertraute Kollegen darüber.
  • Informieren Sie den Betriebsarzt über bestehende Allergien und neuartige Symptome. Kontaktieren Sie im Bedarfsfall einen Facharzt, um eine Allergie-Diagnostik beziehungsweise eine Hypo-/Desensibilisierung durchzuführen.
  • Führen Sie Ihren individuellen, aktuellen Allergie-Pass mit Notfallrufnummer und wenn vorhanden ein Notfallmedikament mit sich.
  • Tragen Sie eine geeignete Schutzausrüstung, zum Beispiel Schutzhandschuhe oder Atemschutz.
  • Verzichten Sie auf parfümierte Seifen oder Waschpasten mit Peelingeffekt und verwenden Sie stattdessen konservierungsmittelfreie und hautschonende Waschmittel und Cremes.
  • Waschen Sie Ihre Hände nur, wenn es unbedingt erforderlich ist, um die Haut nicht zu sehr zu strapazieren.
  • Nutzen Sie Beratungsmöglichkeiten, etwa durch die Fachkraft für Arbeitssicherheit (Fasi), den Betriebsarzt, behördliche Beratungsstellen, Krankenkasse, Berufsgenossenschaft oder Gewerbeaufsichtsamt.
  • Bewahren Sie die Kleidung, die Sie tagsüber im Job getragen haben, nicht in Ihrem Schlafzimmer auf.
  • Regelmäßige Bewegung (es gibt spezielle Sportgruppen für Allergiker/Asthmatiker) sowie Lüftungsmaßnahmen helfen.
  • Minimieren Sie Stress und sorgen Sie etwa mit Bewegung oder Meditation für einen Stressausgleich.
  • Waschen Sie sich vor dem Zubettgehen die Haare.
  • Achten Sie auf eine ausgewogene und gesunde Ernährung und trinken Sie ausreichend, am besten Wasser oder Kräutertee.
  • Suchen Sie eine qualifizierte psychologische Beratung oder eine Selbsthilfegruppe.
  • Reichen Sie eine Berufskrankheitenverdachtsanzeige frühzeitig bei der zuständigen BG ein.
  • Im schlimmsten Fall ist ein Berufswechsel oder eine Umschulung nötig. Das geschieht in Rücksprache mit dem Betriebsarzt, der BG und der Agentur für Arbeit. Die Rentenversicherungsträger prüfen Ihre Ansprüche.



Autor: Stefan Johannsen,  Dipl. Biologe


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