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Gefährliche Baustellen - sicher gestaltet

Unfallgefahr in der Bauwirtschaft extrem hoch

An jedem Arbeitsplatz gibt es Gefahren, und seien sie scheinbar noch so gering. Am Büroarbeitsplatz können Sie sich Ihr Muskel-Skelett-System ruinieren oder schädliche Partikel aus dem Bürodrucker einatmen. Im Bereich Transport und Verkehr gibt es jährlich zahlreiche Unfälle durch mangelnde oder fehlende Ladungssicherung, an Bord- und Laderampen oder natürlich im Straßenverkehr. In Laboren sind die Beschäftigten Infektionsgefahren ausgesetzt. An fast allen Arbeitsplätzen sind psychische Belastungen gegeben, die, wenn sie chronisch werden, psychische Erkrankungen hervorrufen können …

Prävention und Arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen (etwa die G20 bei Lärmexposition oder die G25 für Steuer- und Überwachungstätigkeiten) sind zwei wichtige Aspekte, die unsere Arbeitswelt sicherer machen und dafür sorgen, dass wir gesund bleiben. Dennoch gibt es einen Bereich, der mit über 1,8 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten einer der größten und unfallträchtigsten Wirtschaftszweige Deutschlands ist: das Baugewerbe.


Unfallzahlen im Vergleich

Die Unfallgefahr ist für Beschäftigte in der Bauwirtschaft mehr als doppelt so groß wie für Beschäftigte in der gewerblichen Wirtschaft. Von 1.000 Beschäftigten erleiden in der Bauwirtschaft 100 pro Jahr einen Unfall, in der gewerblichen Wirtschaft nur ungefähr 40.

2012 ereigneten sich bei den 1,859 Millionen Vollarbeitern in der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU) über 109.000 meldepflichtige Arbeitsunfälle – das sind Arbeitsunfälle, die mehr als 3 Tage Arbeitsunfähigkeit oder sogar den Tod nach sich ziehen. Im Vergleich mit der Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe (BGN) mit 1,863 Millionen Vollbeschäftigten und „nur“ 70.000 Unfällen oder der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI) mit 1,193 Millionen Beschäftigten und knapp 23.000 meldepflichtigen Arbeitsunfällen wird der Unterschied deutlich: Im Baugewerbe herrscht eine wesentlich größere Gefahr zu verunglücken!

Da nimmt sich die Arbeitsschutz-Portal-Redaktion den nahenden Tag des Arbeitsschutzes, den 28. April, zum Anlass, auf die Gefahren in der Bauwirtschaft aufmerksam zu machen. Und die sind vielfältig.

Besonders gefährliche Tätigkeiten im Baugewerbe, bei denen die meisten Unfälle passieren, sind laut der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) folgende:

  • Transport und Verkehr (33,2% der Fälle): Dazu gehört das Führen, Lenken, Steuern von Transportmitteln und Geräten (15,3%).
  • Gewinnung/Herstellung (24,1%): Beim Montieren geschehen 6,4% der Unfälle, beim Bauen und Ausbauen 8,6%.
  • Instandhaltung (14,8%): Die Instandhaltungstätigkeiten umfassen Inspizieren, Prüfen, Messen, Fehler suchen, Teile austauschen, Schmieren, Reinigen … Vielfältige Aufgabenbereiche, die oft an laufenden Maschinen stattfinden müssen. Auch am Gesamtunfallgeschehen ist die Instandhaltung mit 15 bis 20% je nach europäischem Land beteiligt.
  • Demontage (9,4%)
  • auf Wegen im Betrieb (5,9%)

Besonders gefährlich bei der Arbeit im Baugewerbe ist, dass die Beschäftigten an häufig wechselnden Arbeitsplätzen arbeiten und sich die Arbeitsbedingungen ständig verändern. Die notwendigen Präventionsmaßnahmen zu erkennen und einzuhalten, ist oft gar nicht so einfach. Wer blickt bei all den nichtstationären, temporären Arbeiten und sich ständig verändernden Bedingungen je nach Fortschritt der Baustelle noch durch? Auch wenn Beschäftigte mehrerer Arbeitgeber und Gewerke auf einer Baustelle tätig sind, steigt die Unfallgefahr.


Diese Regelungen gelten

Baustellen sind trotz dieser besonderen "wandelbaren" Bedingungen im juristischen Sinn Arbeitsstätten, an denen Sicherheitsvorschriften erfüllt werden müssen. Das Arbeitsschutzgesetz, die Arbeitsstättenverordnung, die Betriebssicherheitsverordnung und das Regelwerk der BG BAU sind einzuhalten. Für Baustellen speziell gilt die Verordnung über Sicherheit und Gesundheitsschutz auf Baustellen (Baustellenverordnung – BaustellV).

Verantwortlich für die Umsetzung der BaustellV ist der Bauherr. Sie regelt unter anderem, ob ein Sicherheits- und Gesundheitsschutzplan erstellt werden muss, ob eine Vorankündigung über den Baustart übermittelt werden muss, ob ein Sicherheits- und Gesundheitsschutzkoordinator (SiGeKo) oder gleich mehrere davon eingesetzt werden müssen … Zuständig für den Arbeitsschutz auf der Baustelle ist der beauftragte Unternehmer, der dafür sorgen muss, dass seine Beschäftigten die Unfallverhütungsvorschriften (UVV) einhalten.

Bei fachspezifischen Fragen bieten Berufsgenossenschaften Handlungshilfen, Downloads, Tipps. Bekannte Werke sind die Bausteine der BG BAU oder die DGUV-Vorschrift 38 "Bauarbeiten" (UVV) mit Durchführungsanweisungen.


Gefahren im Baugewerbe

Arbeiten in der Höhe/Absturzgefahr: vom Gerüst, von der Leiter, vom begehbaren Dach, vom nicht begehbaren Dach, durch das Dach oder die Dachluke. Erschreckend: In den Jahren 2001 bis 2010 waren 51,4% der Unfälle im Baugewerbe Absturzunfälle, besonders von Dächern oder Bedachungen oder von Gerüsten und Leitern.

Gefahrstoffe, Vergiftungsgefahr und Erstickungsgefahr, beispielsweise bei Arbeiten in Behältern, Silos oder anderen engen Räumen. Erschütternde Zahlen zu Erkrankungen und Todesfällen in Zusammenhang mit Asbest zeigt die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU) auf. Obwohl die Verarbeitung von Asbest in Deutschland seit 1993 verboten ist, erwartet die BG BAU den Höhepunkt der Erkankungswelle erst in einigen Jahren.

Lärm: Lärmschwerhörigkeit war 2013 die am häufigsten anerkannte Berufskrankheit.

Gefahr durch herabstürzende Gegenstände

Heben und Tragen schwerer Lasten: Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE) verursachen die meisten Ausfallzeiten. Richtiges Heben und Tragen will gelernt sein. Benutzen Sie Hilfsmittel, soweit das möglich ist!

Klima- und Witterungseinflüsse: Erhöhte Rutschgefahr im Herbst und Winter; Gefahr durch Übersehenwerden bei der Arbeit am Straßenrand oder in der Dämmerung; erhöhte Gefahr, an Hautkrebs zu erkranken oder eine Erkältung zu bekommen: Im Baugewerbe findet die Arbeit oft im Freien statt. Das zehrt an den Kräften und am Immunsystem und bringt manch besondere Gefahr mit sich.


Sicher arbeiten im Baugewerbe

Da die Tätigkeiten auf Baustellen vielseitig sind, sind auch die unterschiedlichsten Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen.

In Unterweisungen sollten die Sicherheitsanforderungen der jeweiligen Baustelle erklärt werden. Auch die Erste-Hilfe-Maßnahmen sollten hier erläutert werden, dazu Flucht- und Rettungswege, Alarmplan, Aufbewahrungsort der Verbandkästen … Eine Verständniskontrolle nach der Unterweisung zeigt, ob die wichtigen Informationen "angekommen" sind.

Erste-Hilfe-Aushänge müssen offensichtlich platziert und verständlich sein. Ausgebildete Ersthelfer, die Bereitstellung von Erste-Hilfe-Material und einem Verbandbuch und eventuell notwendiges Rettungsgerät sind bereitzuhalten. Der Unternehmer ist für die Erste Hilfe verantwortlich.

Arbeiten an der Elektrik, der Umgang mit Stäuben und Gasen, Schweißen, Trennschleifen, die Verwendung von leicht entzündlichem Baumaterial … erfordern angepassten Brandschutz und unter Umständen sogar Explosionsschutz.

Arbeitsmedizinische Vorsorge lässt die Gefahren durch Lärm, Hitze, Vibrationen, Gefahrstoffe oder schwere Lasten nicht in Vergessenheit geraten. Ob die Umstände einer bestimmten Tätigkeit arbeitsmedizinische Pflichtvorsorge verlangen oder Angebotsvorsorge erfolgen muss, ist anhand von Grenzwerten und anderen Bedingungen in der Gefährdungsbeurteilung festzustellen.

Ein funktionierendes Rettungskonzept beschreibt, wie die Beschäftigten im Notfall gerettet und erstversorgt werden.

Persönliche Schutzausrüstung (PSA) oder Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA) kann Leben retten: Laut BAuA hätten 11,7% der Unfallopfer nicht sterben müssen, wenn die geeignete PSA gestellt worden wäre, bzw. wenn sie sie getragen hätten und wenn sie intakt gewesen wäre. Dabei handelt es sich immerhin um 328 Unfallopfer zwischen den Jahren 2000 und 2011. Nur CE-geprüfte PSA, Gehörschutz, Augenschutz usw.  kann die Sicherheit bieten, die das Etikett verspricht. Bei der Benutzung und Lagerung von PSA jeglicher Art sind die Herstellerangaben zu beachten, damit die PSA ihre Funktion behält.

Absturzsicherung wird künftig wegen der Harmonisierung der Arbeitsschutzvorschriften in Europa ab einer Fallhöhe von 2 Metern nötig (bei Dacharbeiten bis jetzt 3 Meter, im Fensterbau 5 Meter).

Dass Werkzeuge intakt sein sollten, versteht sich von selbst. Maschinen und Geräte müssen je nach Art regelmäßig überprüft werden. 

Ob Verkehrswege innerhalb der Baustelle oder die Abgrenzung der Baustelle zum Straßenverkehr – hier gibt es neben der Straßenverkehrsordnung und den Grundsätzen der Prävention Vorschriften zum Beispiel zur Gestaltung von Treppen oder für die Sicherung von Arbeitsstätten an Straßen zu beachten. Zu den Verkehrswegen zählen übrigens auch Laufstege und Treppen als Aufstiege zu Arbeitsplätzen.


Ist der Verzicht auf die Gefährdungsbeurteilung schlau?

1.228 der insgesamt 2.804 Unfalltoten ließen in den Jahren 2001 bis 2010 auf Baustellen ihr Leben. Wenn man nun die BAuA-Zahl betrachtet, dass bei 42,5% der Baustellen, auf denen in diesem Zeitraum ein tödlicher Arbeitsunfall erfasst wurde, Mängel herrschten, während bei Betrachtung aller tödlichen Arbeitsunfälle „nur“ an 32,8% der Arbeitsstätten mindestens ein Mangel gefunden wurde, stimmt das nachdenklich. Dass in 59,2% der Fälle gar keine Gefährdungsbeurteilung gemacht worden war und von den paar angefertigten Gefährdungsbeurteilungen nur 31,2% vollständig waren, stimmt noch nachdenklicher. Nur die wenigsten tödlichen Arbeitsunfälle, nämlich etwa nur 20%, sind auf das Verhalten des tödlich Verunglückten oder am Unfall Beteiligter zurückzuführen. Meist liegt etwas bei der Technik, bei den Arbeitsstätten oder bei der Organisation der Baustelle im Argen.


Der Blick zurück macht Mut

Doch was soll all dieses Gejammer: Trotz der horrenden Zahlen, die wir Ihnen eben vorgestellt haben, hat sich auf Baustellen einiges verbessert: Die Zahl der Unglücke nahm laut BG BAU zwischen 1999 und 2009 um mehr als 160.000 auf 115.000 ab - eine Reduzierung um mehr als 50%! Die 114 tödlichen Arbeitsunfälle im Jahr 2009 sind eine stolze Verringerung um 217 tödliche Arbeitsunfälle im Vergleich zum Jahr 1999.

Es gab also bereits eine deutlich Verbesserung, möglicherweise durch Präventionskampagnen, Kommunikation, Aufklärung. Fakt ist: Auch wenn die Verantwortung beim Unternehmer oder Bauherrn liegt, sollten alle Beteiligten auf Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz achten. Eigenverantwortung und die Verantwortung für die Kollegen sollten dafür sorgen, dass man aufmerksam und  mit wachem Geist seiner Arbeit auf der Baustelle nachgeht.


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