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Schöne neue Büroarbeitswelt

Das sind die Gesundheitsrisiken

Schwere körperliche Arbeit war früher das größte Risiko für Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE). Heute, in unserer "Wissensgesellschaft", ist Sitzen die neue Plage. Während die Muskulatur bei körperlicher Arbeit oft überfordert wird, zeichnet sich bei Büroarbeitern genau das Gegenteil ab: Eine Unterforderung der Muskulatur und Verharren in Zwangshaltungen, wodurch kurzfristige Gesundheitsschäden, wie Verspannungen, Rückenschmerzen oder Durchblutungsstörungen auftreten können. Und diese können sich manifestieren, wenn nichts dagegen getan wird. Langes Sitzen und die Arbeit am Computer können kardiovaskuläre Erkrankungen genauso mit verursachen wie Typ-II-Diabetes, das RSI-Syndrom und chronische Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE). Mehr als 26.000 Menschen scheiden jedes Jahr wegen MSE sogar aus dem Erwerbsleben aus! Das am weitesten verbreitete "Bürosymptom" dürften Rückenschmerzen sein. Immerhin jeder 10. Krankheitstag geht in Deutschland auf das Konto von Rückenleiden.

Um diese Zahlen zu senken, sollten folgende Punkte möglichst ergonomisch und gesund gestaltet werden:

  • Arbeitsumgebung und Arbeitsmittel (Arbeitsstuhl, Tisch, Bildschirm, Tastatur, Maus)
  • Beleuchtung (ausreichend Tageslicht, möglichst tageslichtähnliches Kunstlicht, ausreichend hell, blend- und flackerfrei)
  • Klima (Raumtemperatur von 20 bis 23 Grad Celsius, Luftfeuchtigkeit zwischen 40 und 60%, regelmäßiges Lüften)
  • Akustik (lärmarme Geräte, Planung und Einrichtung nach lärmsenkenden Aspekten)
  • Farbe


Der Trend sollte zum bewegten Büro gehen

Der Arbeitsalltag im Büro sollte die Beschäftigten nicht an ihre Stühle fesseln, sondern von einer Steh-Sitz-Dynamik geprägt sein. Ein rückenfreundlicher Arbeitstag sollte nur zu 60% im Sitzen verbracht werden. 30% der Zeit sollten Beschäftigte stehen und 10% herumlaufen. Steh-Sitz-Arbeitstische oder Stehpulte sowie "aktive Büros" sollen das ermöglichen. Solche dynamische Büroarbeit ist wichtig, denn es reicht nicht, den Mangel an Bewegung durch Sport in der Freizeit auszugleichen.

Beschäftigte als auch Unternehmer scheinen die Wichtigkeit des Themas einzusehen: Die Rückenprävention ist zum Beispiel laut einer Befragung des Instituts für Arbeit und Gesundheit (IAG) aus dem Jahr 2014 für die Beschäftigten und die Unternehmer ein wichtiges Thema – bei den Fachkräften für Arbeitssicherheit (Sifas) kommt das allerdings nicht an. Nur 12% von ihnen gaben an, dass das Thema häufig nachgefragt wird.

Aber wer sind dann die Ansprechpersonen, an die sich Beschäftigte und Unternehmer wenden, wenn es um das Thema Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE) oder Rückenprävention geht? Die IKK stellt fest, dass jeder Zweite erst einmal versucht, vorhandenen Rückenschmerz selbst zu therapieren, ob durch Medikamente (54%), Massagen und Wärme (53%) oder viel Bewegung (52%).

Viele handeln also nach dem Motto „Hilf dir selbst“. Infos, Rückenprogramme, Tipps und Übungsanleitungen gibt es im Internet einige, zum Beispiel zu den Themen "Einstellung des Büroarbeitsstuhls", "Einstellung von Tisch und Arbeitshöhe", "Raumklima im Büro" ...

Strukturiert macht die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) mit der Präventionskampagne "Denk an mich. Dein Rücken" auf das Thema aufmerksam, zum Beispiel mit Downloads und Best-Practice-Beispielen. Im Rahmen des Arbeitsprogramms MSE der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie (GDA) gibt es Betriebsbegehungen …


Verhältnisprävention top, Verhaltensprävention flop

Dass das Thema "Ergonomie am Arbeitsplatz" in den Betrieben angekommen ist, zeigen erstaunliche Zahlen zur Verhältnisprävention, also zur Vorbeugung durch ein ergonomisches Arbeitsumfeld und ergonomische Arbeitsbedingungen: Laut der IAG-Befragung gibt es in 60% der Unternehmen ergonomische Stühle, sogar schon in einem Drittel höhenverstellbare Tische. Größere Betriebe sind dabei in der Regel besser ausgestattet – logisch, haben sie doch meist mehr personelle und finanzielle Möglichkeiten.

An der Verhaltensprävention hapert es noch: Nur etwa die Hälfte der Unternehmen versucht durch ein strukturiertes Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) und durch Präventionsangebote Einfluss auf das Verhalten der Beschäftigten zu nehmen. Auch hier haben die Großbetriebe wieder mehr Möglichkeiten: Während hier Gesundheitstage mit Erlebnischarakter keine Seltenheit sind, setzen kleine Betriebe auf die klassische Variante, wie Stress-Präventionstrainings.


Neue Büroarbeitswelt - neue Gefahren

Wer nun aber glaubt, mit den üblichen Ergonomie-Tipps und Ergonomie-Online-Tools sei die Präventionsarbeit für "Büromenschen" abgearbeitet, der irrt! Gerade die Büroarbeit unterliegt wegen immer neuer technischer Möglichkeiten einem enormen Wandel. Seit Beschäftigte von überall aus über Smartphone, Tablet & Co. arbeiten können, tun sich neue Gefahren auf. Arbeitsschutzmaßnahmen in diesem Bereich sind mittlerweile als "digitaler Arbeitsschutz" bekannt.

Flexible Arbeitszeiten sorgen einerseits für mehr Freiheit, andererseits, lassen sie die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit so verschwimmen, dass Beschäftigte Probleme mit der Abgrenzung von Freizeit und Beruf bekommen. Und was manche schon für überholt hielten, hält wieder Einzug: Die Gestaltung von Telearbeitsplätzen wird zum Beispiel in die neue Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) wieder aufgenommen und der Begriff der Bildschirmarbeit soll besser definiert werden.

Neben der Telearbeit, wohl besser bekannt unter dem Begriff Home-Office, neben Crowdworking und Cloudworking und wie die modernen Arbeitsformen alle heißen, hat sich die mobile Arbeit etabliert. Viele arbeiten von unterwegs mit Laptop oder Tablet. Dass sich hier ganz neue Herausforderungen für den Gesundheitsschutz ergeben, hat erst kürzlich der New Yorker Arzt Kenneth K. Hansraj nachgewiesen. Er untersuchte die Auswirkungen des sogenannten Handy-Nackens. Die typische Haltung des Kopfes, wenn man auf sein Smartphone oder Tablet blickt, ist eine enorme Belastung für die Halswirbelsäule. Während ein aufrecht gehaltener Kopf die Wirbelsäule nur mit etwa 5 Kilogramm belastet, wirkt bei einem um 45 Grad nach vorne geneigten Kopf bereits ein Gewicht von 22 Kilogramm auf die Halswirbelsäule. Beim für die Smartphone- und Tablet-Nutzung typischen 60-Grad-Winkel sind es bereits 27 Kilogramm. Wenn man nun bedenkt, dass der Mensch durchschnittlich 2 bis 4 Stunden am Tag auf sein „mobile device“ blickt, was hochgerechnet aufs Jahr rund 700 bis 1.400 Stunden sind, wird klar, welche Belastung das für die Halswirbelsäule bedeutet. Hansraj prognostiziert enorme Belastungen, die sogar Operationen nötig machen können.

Auch Software-Ergonomie ist ein Thema für die moderne Büro-Arbeitswelt: Schlecht eingerichtete, unübersichtliche Software führt zu Leistungseinbußen und Unkonzentriertheit.

Eine weitere "Krankheit" der modernen Büroarbeit scheinen die weit verbreiteten Großraumbüros zu sein. Erwiesen ist jedenfalls, dass Großraumbüros krank machen. Je größer der Raum, desto höher ist der Krankenstand, vermutlich weil viele ergonomische Aspekte einfach außer Acht gelassen werden. Hohe Lärmpegel, häufige Arbeitsunterbrechungen oder Mängel bei Klima und Beleuchtung beeinflussen die Beschäftigten negativ.


Adieu BildscharbV!

Die wichtigste Grundlage der ergonomischen Gestaltung von Büroarbeitsplätzen ist derzeit übrigens noch die Bildschirmarbeitsverordnung (BildscharbV), die aber mit Inkrafttreten der neuen Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) in diese einfließt und damit als selbständige Verordnung aufgehoben wird.

Weitere nützliche Hilfen für ergonomische Büroarbeitsplätze sind die  BGI 5050 "Büroraumplanung" (neu: DGUV-Information 215-441), BGI 856 "Beleuchtung im Büro" (neu: DGUV-Information 215-442), BGI 827 "Sonnenschutz im Büro" (neu: DGUV-Information 215-444), BGI 650 "Bildschirm- und Büroarbeitsplätze" (neu: DGUV-Information 215-410) sowie die BGI 5001 "Büroarbeit - sicher, gesund und erfolgreich".

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