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Manipulation, Bestandsschutz, Stand der Technik

Mythen und Fakten rund um die Maschinensicherheit

Vor fast genau 10 Jahren, am 29. Juni 2006, trat die Richtlinie 2006/42/EG, die sogenannte Maschinenrichtlinie (MRL), in Kraft. Sie soll dafür sorgen, dass nur sichere Maschinen hergestellt und in Umlauf gebracht werden - die MRL stellt Anforderungen an die Maschinen-Hersteller. Pflichten für Betreiber, also für Arbeitgeber und Unternehmer, die Maschinen für die Arbeit zur Verfügung stellen, sind in der Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) festgelegt. Vorschriften für die Maschinen- und Anlagensicherheit gibt es also einige. Die Unfall-Zahlen zeigen aber, dass hier noch einiges zu tun ist: 10.000 Arbeitsunfälle gibt es nach Zahlen des Instituts für Arbeitsschutz (IFA) jedes Jahr an stationären Maschinen. Durchschnittlich sterben dabei jährlich acht Menschen. Nicht nur die Benutzung, auch die Instandhaltung von einzelnen Maschinen und ganzen Anlagen kann gefährlich sein. In der Instandhaltung ereignen sich beispielsweise doppelt so viele Arbeitsunfälle wie in der Produktion.


Manipulation von Schutzeinrichtungen – ein weit verbreitetes Phänomen

Noch gefährlicher wird die Arbeit an Anlagen und Maschinen, wenn Schutzeinrichtungen manipuliert werden. So leichtsinnig ist doch kaum jemand, denken Sie? Weit gefehlt: An circa 37 % der Maschinen-Schutzeinrichtungen werden illegale "Veränderungen" vorgenommen. In der Regel soll mit der Umgehung der Schutzeinrichtung Zeit gespart werden oder es ist schlicht die Bequemlichkeit, die siegt. Die Schutzhaube abnehmen, um besser an den Greiferkopf heranzukommen – das kann böse enden! Oft ist es auch schlicht die unpraktische Konstruktion, sprich: ein ergonomischer Aspekt, durch den die Arbeit an der Maschine erschwert wird und der Manipulation einladend erscheinen lässt.

Hersteller müssen Maschinen nach der MRL so konstruieren, dass Manipulation unwahrscheinlich ist. Schließlich müssen sie laut Anhang 1 neben dem bestimmungsgemäßen Gebrauch auch die vorhersehbare Fehlanwendung berücksichtigen. Stört eine Schutzeinrichtung bei der Arbeit, ist die "Fehlanwendung" – in dem Fall die absichtliche Manipulation – vorhersehbar. 

Experten empfehlen eine 3-Stufen-Methode, um Manipulationen Einhalt zu gebieten:

  1. Manipulationen verhindern: Maschinen einkaufen und betreiben, die keinen Anlass zur Manipulation bieten, weil die Sicherheitsmaßnahmen sinnvoll integriert sind. Die Maschinen müssen alle notwendigen Funktionen haben, damit Beschäftigte gut und bequem an ihnen arbeiten können. Anwender dürfen keinen Nutzen daraus ziehen, dass sie eine Schutzeinrichtung aushebeln.
  2. Manipulation erschweren: Maschinen mit komplexen oder verdeckten Schutzeinrichtungen, bei denen die Manipulation einen großen Aufwand erfordert, können eigenmächtige Eingriffe verhindern. Wenn Schutzabdeckungen beispielsweise nur mit Werkzeug entfernt werden können, ist die Hürde größer, als wenn sie einfach abgenommen werden können. Trennende Schutzeinrichtungen werden häufiger manipuliert als berührungslos wirkende Schutzeinrichtungen wie Laserscanner oder Lichtgitter. 
  3. Manipulation erkennen: Laut dem IFA duldet ein Drittel der Betriebe Manipulationen. Dabei ist klar geregelt, wer die Verantwortung bei einem Unfall an einer manipulierten Maschine trägt. Der Arbeitgeber und die Führungskraft haben dafür zu sorgen, dass Manipulation nicht stattfindet beziehungsweise dass sie erkannt und behoben wird. Und diese haften auch im Ernstfall.


Übrigens: Beeindruckende Beispiele für Unfälle an Maschinen bietet die Berufsgenossenschaft Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM) in ihrer Online-Rubrik "Aus Unfällen lernen". Auch die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva) bietet Unfallbeispiele zum Herunterladen an, die andere vor denselben Fehlern schützen sollen. Bauen Sie diese Materialien in Unterweisungen oder Sicherheitseinweisungen ein! Mit praktischen Beispielen lassen sich die Gefahren viel wirkungsvoller aufzeigen.


"Wesentliche Veränderung" und "Stand der Technik" – was ist das?

Auch wenn an einer regelmäßig geprüften älteren Maschine Änderungen vorgenommen werden, können neue Risiken entstehen. Handelt es sich um "wesentliche Veränderungen", wird der Betreiber ganz schnell zum Hersteller mit allen Pflichten und Konsequenzen, die die MRL vorgibt. Die Frage, was denn nun eine wesentliche Veränderung ist, wird oft genauso heiß diskutiert wie die Frage, was denn der "Stand der Technik" ist, der nach der Maschinenrichtlinie für eine rechtlich ausreichende Maschinensicherheit erfüllt sein muss.

"Wesentliche Veränderungen" beschreibt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) im Interpretationspapier zum Thema "Wesentliche Veränderungen von Maschinen" wie folgt: Bringt eine Veränderung einer Maschine neue Gefahren mit sich, für die die vorhandenen oder leicht einzurichtende Schutzmaßnahmen nicht ausreichen, handelt es sich vermutlich um eine wesentliche Veränderung. Eine wesentlich veränderte Maschine muss wie eine neue Maschine behandelt werden. Zum Beispiel muss sie ein Konformitätsbewertungsverfahren durchlaufen und eine CE-Kennzeichnung erhalten.

Der zweite oft strittige Punkt ist der "Stand der Technik", der für das sichere Arbeiten an Maschinen eingehalten werden muss. Einen Bestandsschutz für Altmaschinen gibt es also nicht. Wie die Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM) versichert, ist aber nicht zwangsläufig eine vollständige technische Nachrüstung gefordert. Eine teilweise Nachrüstung oder andere Maßnahmen nach dem T-O-P-Prinzip können eine ausreichende Sicherheit der Alt-Maschine gewährleisten.


Industrie 4.0 und CPS machen Maschinensicherheit noch brisanter

Ob alte Maschine oder nagelneue Anlage, ob normaler Betrieb, Störung oder Instandhaltung: Das Thema Maschinensicherheit wird auch in Zukunft nicht an Aktualität verlieren. Vor allem, wenn man bedenkt, wie viele neue Techniken und Maschinen im Zuge der Industrie 4.0 in Betrieben jeden Tag schon Einzug halten und in Zukunft Einzug halten werden. Geschätzt 50 Milliarden vernetzte Geräte, Maschinen und Anlagen wird es bis zum Jahr 2020 geben. Aus abgeschirmten Robotern werden Cobots - kollaborierende Kollegen, die wegen ihrer Kraft eine große Gefahr für die menschlichen Mitarbeiter sein können. Sensible Roboter, die trotz ihrer Vorsicht bei der Zusammenarbeit mit Menschen schnell arbeiten, sind gerade in der Entwicklung und ziehen in Produktionsstätten ein ... Für die Maschinensicherheit gibt es also viel zu tun!

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