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Sucht: Mut von Angehörigen zur Nicht-Hilfe

Co-Abhängigkeit überwinden - Suchtkranke zur Selbsthilfe bringen

Etwa 10 % der Beschäftigten in Deutschland sind süchtig – nach Alkohol, Medikamenten oder sonstigen Mitteln. Auf 1,7 Millionen schätzt das Statistische Bundesamt allein die Zahl der Alkoholabhängigen in Deutschland. Suchtkranke schädigen nicht nur sich selbst, sondern gerade am Arbeitsplatz kann es sein, dass sie andere in Gefahr bringen und dem Unternehmen schaden. Nicht nur für Vorgesetzte und Kollegen ist der Umgang mit Suchtkranken heikel: Soll ich den Betroffenen auf seine Sucht ansprechen? Wenn ja, wie kann ich das tun? Oder sage ich lieber gar nichts? Und auch im privaten Bereich haben Süchte zerstörende Wirkung.


Blinde Hilfe führt zu Co-Abhängigkeit

Natürlich wollen Angehörige dem Suchtkranken helfen – das kann aber das Gegenteil verursachen. Laut dem TÜV Rheinland kann die Unterstützung durch Partner, Kinder, Eltern, Freunde oder auch Arbeitskollegen den Erkrankten in seinem Verhalten bestärken und eine Behandlung verzögern oder verhindern. Dr. Bernward Siebert, Arbeitsmediziner bei TÜV Rheinland: „Die Unterstützer suchen immer neue Wege, dem Süchtigen zu helfen, und geraten selbst in eine so genannte Co-Abhängigkeit. Ihre Droge ist das Gefühl, gebraucht zu werden. Dafür verausgaben sie sich bis hin zur Selbstaufgabe.“

Eine Co-Abhängigkeit, die bei allen Suchtformen wie beispielsweise Alkoholabhängigkeit, Drogenkonsum oder Medikamentenmissbrauch auftreten kann, verläuft in drei typischen Phasen:

  1. Zu Beginn versuchen Angehörige und Kollegen, das Verhalten des Süchtigen zu entschuldigen und ihn vor den Folgen zu beschützen. Nach außen wird die Fassade eines funktionierenden Alltagslebens aufrechterhalten.
  2. Im nächsten Schritt versuchen Co-Abhängige den Betroffenen zu kontrollieren: Sie suchen die Drogenverstecke, schütten Alkohol weg und tun alles, um das Problem in den Griff zu bekommen. Doch solange der Süchtige nicht selbst aktiv einen Weg aus der Erkrankung sucht, sind diese Bemühungen vergebens.
  3. Diese Situation führt bei dem Co-Abhängigen zu einer Überlastung, die sich auf vielfältige Art zeigt: Erschöpfung, Isolation und Resignation, aber auch psychische Probleme und körperliche Beschwerden (Magenprobleme, Schlafstörungen …). Der Süchtige wird für den überlasteten Angehörigen zum Sündenbock, der Drohungen, Ausgrenzung und Verachtung ausgesetzt ist.


Hilfe durch Nicht-Helfen

Betroffene Angehörige sollten sich Unterstützung suchen, zum Beispiel bei Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen, dem Hausarzt, dem Betriebsarzt oder in Angeboten zur externen Mitarbeiterberatung des Arbeitgebers - das empfiehlt der TÜV Rheinland. Es sei wichtig, die Sucht des Familienmitglieds oder des Kollegen als Krankheit anzuerkennen, für die die Co-Abhängigen keine Verantwortung tragen. Das helfe dabei, die Sucht nicht länger zu verheimlichen und sich gegenüber dem Erkrankten abzugrenzen. So könne sich der Angehörige davor schützen, dass die Hilfe für den Süchtigen bei allen Fragen der Alltagsbewältigung das eigene Leben bestimmt. Die aktive Gestaltung des eigenen Lebens mit Blick auf das eigene Wohlergehen könne so wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken.

Beim Suchtkranken führe die fehlende Hilfe bei der Alltagsbewältigung dazu, dass er gezwungen werde, Verantwortung für sein Leben und die Folgen seines Handelns zu übernehmen. Dies könne ein wichtiger Schritt sein, um den Süchtigen zu einer Verhaltensänderung und zu einer Therapie zu motivieren. „Klare Grenzen und der Mut zum Nicht-Helfen können somit für den Erkrankten und den Co-Abhängigen die ersten Schritte aus der Suchtspirale darstellen“, fasst Siebert zusammen.