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Krebserzeugende Stoffe am Arbeitsplatz – richtig dokumentieren, archivieren und aushändigen

So führen Sie ein Expositionsverzeichnis!

In mehr als 1 Millionen Unternehmen in Deutschland werden Tätigkeiten mit krebserzeugenden Gefahrstoffen ausgeführt. Es ist aber weder genau bekannt, wie viele Beschäftigte das betrifft, noch in welchem Umfang sie Expositionen ausgesetzt sind, welche Tätigkeiten sie genau ausüben oder welche der krebserzeugenden Arbeitsstoffe wie oft auftreten. In Deutschland sind Tätigkeiten mit krebserzeugenden Gefahrstoffen nämlich nicht mitteilungspflichtig, sodass eine gesicherte Aussage hierzu nicht möglich ist. Asbestarbeit © panthermedia.net/fotokris44Nur Abbruch-, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten (ASI-Arbeiten) an asbesthaltigen Materialien müssen bei der zuständigen Behörde angezeigt werden, sodass für diese Arbeitsbereiche auch Abschätzungen über die Anzahl der betroffenen Beschäftigten möglich sind.

Insgesamt gibt es mehr als 60 Stoffe oder Stoffgruppen, die krebserzeugende Eigenschaften besitzen und bei Arbeitstätigkeiten verwendet werden.

Beispiele sind

  • Formaldehyd
  • Schweißrauche
  • Eichen-/Buchholzstäube
  • Quarzstäube
  • Halogenkohlenwasserstoffe
  • Metalle (Ni, Co, Cr(VI), As, Cd)
  • Benzol
  • Aromatische Amine
  • Asbeststaub
  • Dieselmotoremissionen
  • PAK
  • „altes“ KMF-Dämm-Material
  • Ionisierende Strahlen
  • Trichlorethylen
  • Acrylamid
  • o-Toluidin
  • Zytostatika …


Eine Meldepflicht gibt es also nicht, aber Arbeitgeber sind, natürlich zusätzlich zu präventiven Maßnahmen, rechtlich dazu verpflichtet, ein aktuelles personenbezogenes Verzeichnis – ein sogenanntes Expositionsverzeichnis – zu führen.

Beim Umgang mit krebserzeugenden Gefahrstoffen gilt immer: Substitution geht vor Dokumentation! Ein gefährlicher Stoff muss, wenn es möglich ist, gegen einen weniger gefährlichen ausgetauscht werden. Ist keine Substitution möglich, gilt das Minimierungsgebot durch technische (Absaugung, emissionsarme Verfahren, Lüftung …), organisatorische (Expositionszeit und Häufigkeit der Tätigkeit reduzieren …) und als letztes Mittel persönliche Schutzmaßnahmen (Schutzanzüge, Masken, Handschuhe …). Alle Maßnahmen müssen dem Stand der Technik sowie arbeitswissenschaftlichen, -medizinischen und -hygienischen Erkenntnissen entsprechen.

Dem voraus geht aber: Der Arbeitgeber muss selbstverständlich immer eine Gefährdungsbeurteilung nach Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) erstellen (lassen), um überhaupt festzustellen, in welchen Bereichen in welchem Ausmaß mit KMR-Stoffen umgegangen wird oder wo diese freigesetzt werden. Diese Stoffe sind in dem betriebseigenen aktuellen Gefahrstoffverzeichnis aufzuführen.

Beschäftigte müssen zu diesen Stoffen fachkundig und verständlich unterwiesen werden – und zwar vor Beginn der Tätigkeitsaufnahme und dann in regelmäßigen Abständen. Die Unterweisungen müssen dokumentiert werden. Außerdem müssen rechtskonforme aktuelle Sicherheitsdatenblätter (SDB) jederzeit einsehbar sein.

Ein Expositionsverzeichnis wird notwendig, wenn die Gefährdungsbeurteilung anzeigt, dass die Gesundheit oder die Sicherheit der Beschäftigten durch Tätigkeiten mit krebserzeugenden, erbgutverändernden oder fruchtbarkeitsgefährdenden Gefahrstoffen (KMR-Stoffe) der Kategorie 1 oder 2 (jetzt 1 A und 1 B) gefährdet sind. Gewerbeaufsichtsämter überprüfen immer öfter, dass es ein solches Verzeichnis gibt und dass es korrekt geführt wird. Bei Veränderungen an Arbeitsplätzen oder aufgrund neuer Informationen anhand einer Gefährdungsbeurteilung ist das Verzeichnis zu überprüfen und gegebenenfalls zu aktualisieren.


Diese 3 Pflichten hat der Arbeitgeber

Die Expositionsverzeichnis-Regelung stammt ursprünglich aus der EU-Krebsrichtlinie (2004/37/EG) und wurde in die Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) aufgenommen, die diesbezüglich Mitte 2015 durch die TRGS 410 konkretisiert wurde. Die Gefahrstoffverordnung (§ 14 Abs. 3) legt dem Arbeitgeber bezogen auf das Expositionsverzeichnis drei Pflichten auf:

  • Dokumentationspflicht
  • Archivierungspflicht
  • Aushändigungspflicht


Das Verzeichnis ist mit allen Aktualisierungen 40 Jahre nach Ende der Exposition aufzubewahren. Endet ein Beschäftigungsverhältnis, muss der Arbeitgeber dem Beschäftigten einen Auszug über die ihn betreffenden Angaben des Verzeichnisses aushändigen. Fremdfirmen haben auf Basis der zur Verfügung gestellten Informationen eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen und falls erforderlich ein Verzeichnis zu führen. Bei Leiharbeitnehmern muss der Entleiher ein Expositionsverzeichnis führen und an den Verleiher weitergeben, damit dieser die Angaben aus dem Entleihbetrieb in sein eigenes Verzeichnis aufnehmen kann.

Arbeitgeber können die Archivierungs- und Aushändigungspflicht, das Einverständnis der Beschäftigten vorausgesetzt, auf den Unfallversicherungsträger übertragen. Dazu bietet die DGUV eine zentrale Expositionsdatenbank (ZED) an.

Beschäftigte sind also in das Verzeichnis aufzunehmen, wenn eine Gefährdung ihrer Gesundheit oder Sicherheit vorliegt. Davon ist insbesondere dann auszugehen, wenn

  • bei Stoffen mit einer Akzeptanzkonzentration gemäß TRGS 910 „Risikobezogenes Maßnahmenkonzept für Tätigkeiten mit krebserzeugenden Gefahrstoffen“ der Schichtmittelwert die Akzeptanzkonzentration überschreitet.
  • bei Stoffen mit Arbeitsplatzgrenzwert (AGW) gemäß TRGS 900 „Arbeitsplatzgrenzwerte“ der Schichtmittelwert den Arbeitsplatzgrenzwert oder Kurzzeitwert überschreitet.
  • bei Stoffen ohne Arbeitsplatzgrenzwert (AGW) oder ohne Akzeptanzkonzentration eine Exposition vorliegt oder Atemschutz als Schutzmaßnahme getragen werden muss.
  • dem Arbeitgeber Hinweise auf eine Gefährdung vorliegen, die im Rahmen der arbeitsmedizinischen Vorsorge festgestellt wurden, beispielsweise durch Biomonitoring.
  • keine ausreichenden Informationen über die Höhe einer möglichen Exposition vorliegen.
  • Tätigkeiten nach TRGS 906 durchgeführt werden. Liegen für in der TRGS 906 aufgeführte Stoffe stoffspezifische TRGS vor (zum Beispiel TRGS 554 „Abgase von Dieselmotoren“), ist die Gefährdung anhand der stoffspezifischen TRGS zu beurteilen.
  • bei Tätigkeiten mit quarzhaltigem Material der Beurteilungsmaßstab für quarzhaltigen Feinstaub der TRGS 559 „Mineralischer Staub“ überschritten wird oder
  • bei Tätigkeiten mit Holz der Beurteilungsmaßstab für Holzstaub der TRGS 553 „Holzstaub“ überschritten wird.
  • Tätigkeiten mit krebserzeugenden Metallen (TRGS 561) erfolgen.


Beschäftigte sind auch dann in das Verzeichnis aufzunehmen, wenn sie Tätigkeiten mit hautresorptiven krebserzeugenden oder keimzellmutagenen Gefahrstoffen durchführen und wenn eine Gefährdung durch Hautkontakt besteht; dies ist beispielsweise der Fall, wenn das Tragen von Chemikalienschutzhandschuhen als erforderliche Schutzmaßnahme festgelegt wurde. Beschäftigte müssen ebenfalls in das Verzeichnis aufgenommen werden, wenn die im Folgenden aufgeführten oder vergleichbare Tätigkeiten wiederholt ausgeführt werden und eine Gefährdung auf Basis der Gefährdungsbeurteilung nicht ausgeschlossen werden kann:

  • Reparatur- und Instandsetzungsarbeiten
  • Wartungsarbeiten
  • Reinigungsarbeiten
  • Probenahme bei nicht geschlossenen Systemen
  • Abrissarbeiten
  • Arbeiten in kontaminierten Bereichen

Das Gleiche gilt auch bei Unfällen mit erhöhter Exposition.

Eine mögliche Exposition gegenüber KMR-Stoffen muss nicht nur fortlaufend dokumentiert, sondern auch rückwirkend erfasst werden. Stellen Sie fest oder wird etwa durch Kontrollen festgestellt, dass Beschäftigte wegen einer nicht angemessenen Gefährdungsbeurteilung KMR-Stoffen ausgesetzt waren, sollten Sie dieses, in Rücksprache mit Ihrem Betriebsarzt, nachträglich dokumentieren. Im Falle von Asbest und alter künstlicher Mineralwolle kann der Arbeitnehmer das selbst der Gesundheitsvorsorge (GVS) mitteilen. Ein erweitertes Vorsorgeangebot (Low-dose-HRCT) zur Früherkennung asbestverursachter Erkrankungen ist gerade in der Umsetzungsphase.

Eine Aufnahme in das Verzeichnis ist nicht notwendig, wenn:

  • Beschäftigte Tätigkeiten gemäß verfahrens- und stoffspezifischer Kriterien (VSK) nach der TRGS 420 durchführen, bei denen der AGW oder die Akzeptanzkonzentration eingehalten wird und nur eine geringe Gefährdung durch orale oder dermale Aufnahme besteht.
  • sie Tätigkeiten an geschlossenen, technisch dichten Anlagen gemäß TRGS 500 oder
  • Labortätigkeiten mit laborüblichen Mengen unter Einhaltung der Anforderungen der TRGS 526 „Laboratorien“ ausüben.
  • im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung auf Grund der geringen Menge, der kurzen Expositionsdauer und der physikalisch-chemischen Eigenschaften der Stoffe (wie etwa Dampfdruck, Staubungsverhalten, Viskosität) nur eine geringe Gefährdung besteht.


Das muss im Expositionsverzeichnis stehen

Im Expositionsverzeichnis müssen mindestens die folgenden Angaben enthalten sein:

  • Name der Firma: Anschrift, Betrieb, Betriebsteil …
  • Persönliche Daten des Beschäftigten: Name, Geburtsdatum
  • Gefahrstoffe nach Nummer 1 Absatz 2 oder Tätigkeiten beziehungsweise Verfahren nach TRGS 906; Gefahrstoffe sind aufzuführen mittels

a) eindeutigem Stoffnamen (bei Stoffen aus Anhang VI der Verordnung (EG) Nr. 1272/2008 gemäß dem dort aufgeführten Namen, ansonsten gemäß der IUPAC-Nomenklatur) und

b) einem geeigneten Produktidentifikator gemäß Verordnung (EG) Nr. 1272/2008 wie zum Beispiel EG-Nr., Index-Nr., CAS-Nummer oder der REACH-Registriernummer oder

c) Bezeichnung der Tätigkeiten beziehungsweise Verfahren gemäß den Angaben in der TRGS 906.

Zeitraum der Tätigkeit

  • Höhe der Exposition, die im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung nach TRGS 401 und TRGS 402 ermittelt wurde, zum Beispiel durch

a) repräsentative und tätigkeitsbezogene Arbeitsplatzmessungen.

b) valide Abschätzungen im Vergleich mit bekannten Expositionen ähnlicher Anlagen oder Tätigkeiten aus dem eigenen Betrieb oder aus Expositionsbeschreibungen, zum Beispiel Veröffentlichungen des LASI, der BAuA oder der UV-Träger.

c) Übersichtsmessungen (orientierende Messungen) oder den Einsatz geeigneter Rechenmodelle.

d) Expositionsabschätzungen durch Experten (zum Beispiel in Relation zu Grenzwerten).

Die Expositionshöhe kann als Zahlenwert oder mittels einer der folgenden halbquantitativen Angaben angegeben werden:

a) ≤AGW

b) > AGW

c) ≤Akzeptanzkonzentration

d) zwischen Akzeptanz- und Toleranzkonzentration gemäß TRGS 910

e) ≥Toleranzkonzentration gemäß TRGS 910

f) ≤dem der Gefährdungsbeurteilung zugrunde liegenden Beurteilungsmaßstab

g) > dem der Gefährdungsbeurteilung zugrunde liegenden Beurteilungsmaßstab oder

h) Ausmaß der Hautgefährdung gemäß TRGS 401.

Dabei sind die Höhe der zugrunde gelegten Grenzwerte oder Beurteilungsmaßstäbe und die Art der Ermittlungsmethode mit anzugeben. Bei der Ermittlung und Angabe der Höhe der Exposition ist es unerheblich, ob der Beschäftigte persönliche Schutzausrüstung (PSA) trägt. Es sind die reinen gemessenen oder errechneten Werte aufzulisten.

  • Dauer und Häufigkeit der Exposition sind gemäß Gefährdungsbeurteilung anzugeben, etwa anhand der

a) durchschnittlichen Dauer pro Schicht und

b) durchschnittlichen Anzahl der Tage pro Woche oder Jahr.

Muster-Expositionsverzeichnis; Johannsen


Werden Angaben im Expositionsverzeichnis wegen Änderungen am Arbeitsplatz oder der Beurteilungskriterien aktualisiert und fortgeschrieben, ist der Zeitpunkt, ab dem die Aktualisierung gilt, anzugeben. Die bis dahin gemachten Angaben verbleiben natürlich im Expositionsverzeichnis. Zusätzlich wird empfohlen, Informationen zu den Branchen, Tätigkeiten und den getroffenen technischen sowie persönlichen Schutzmaßnahmen zu dokumentieren.

Falls Mitarbeiter mit krebserzeugenden/erbgutverändernden Stoffen und Zubereitungen oder beruflicher Strahlenexposition zu tun haben, muss der Arbeitgeber den Beschäftigten eine nachgehende Vorsorge beim „Organisationsdienst für nachgehende Untersuchungen“ (ODIN) anbieten. Diese Vorsorge soll berufsbedingte Krebserkrankungen so früh wie möglich erkennen helfen, um Therapien einleiten zu können.

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