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Gewalt gegen Rettungskräfte doch nicht so weit verbreitet?

Interessante Studienergebnisse zur Gewalt gegen Rettungsdienste und Feuerwehren

4.500 Rettungskräfte in Nordrhein-Westfalen wurden zu ihren Erfahrungen mit Gewalt im Einsatz befragt – aber nur 18 % haben geantwortet. Kriminologen der Ruhr-Universität Bochum (RUB) wollten im Rahmen der Studie "Gewalt gegen Einsatzkräfte der Feuerwehren und Rettungsdienste in Nordrhein-Westfalen" herausfinden, wie groß das Phänomen tatsächlich ist, dass sich Retter, die anderen helfen wollen, Gewalt ausgesetzt sehen. "Wir hätten uns eine höhere Beteiligung gewünscht, vor allem auch, weil das Thema in den Medien so intensiv diskutiert wird", sagt Prof. Dr. Thomas Feltes. "Über die Gründe für die niedrige Rücklaufquote können wir nur spekulieren. Möglicherweise betrifft das Problem doch weniger Rettungskräfte als gedacht." Bei der Interpretation der Ergebnisse müsse außerdem berücksichtigt werden, dass die Rettungskräfte pro Jahr mehrere Hundert Einsätze absolvierten. Gewalttätige Übergriffe seien also nach wie vor ein eher seltenes Ereignis.

Auch wenn die Ergebnisse der Studie, die unter anderem vom Bundesinnenministerium und von der Unfallkasse Nordrhein-Westfalen (UK NRW) unterstützt wurde, die Gefahr für Rettungskräfte, sich tatsächlich einer Form von Aggression ausgesetzt zu sehen, als nicht besonders groß darstellt, sind die genaueren Ergebnisse zum Thema "Gewalt im Rettungseinsatz" interessant:

  • "Wir unterscheiden in der Befragung zwischen verbaler Gewalt, nonverbaler Gewalt – also Gesten wie einen Vogel oder den Mittelfinger zeigen – und körperlicher Gewalt", erläutert Marvin Weigert, der für die Auswertung der Befragung zuständig war. 26 % der Einsatzkräfte gaben an, in den zwölf Monaten vor der Befragung Opfer körperlicher Gewalt geworden zu sein; 92 % wurden Opfer verbaler Gewalt. 75 % mussten einen nonverbalen Übergriff erleben.
  • Einsatzkräfte im Rettungsdienst, also Notärzte, Notfallsanitäter und Rettungsassistenten, werden wesentlich öfter Opfer solcher Übergriffe als Einsatzkräfte im Brandeinsatz. So erlebten 2 % der Brandschützer körperliche Angriffe, 36 % wurden verbal attackiert und 29 % noverbal.
  • Einen Unterschied zwischen Männern und Frauen konnten die Forscher nicht finden.
  • Über 60 % aller Fälle von Gewalt ereigneten sich nachts.
  • In Städten über 500.000 Einwohnern kam es doppelt so häufig zu Übergriffen auf Rettungskräfte wie in Städten zwischen 100.000 und 500.000 Einwohnern. Innenstädte waren besondere Brennpunkte.
  • In etwa 50 % der berichteten Fälle waren die Täter zwischen 20 und 40 Jahre alt.
  • Rund 90 % der Täter waren männlich.
  • Meist stammten die Täter aus dem unmittelbaren Umfeld der Hilfe suchenden Person.
  • In 55 % der Fälle körperlicher Gewalt war der Täter erkennbar alkoholisiert.
  • Ungefähr 80 % der von verbaler und nonverbaler Gewalt betroffenen Einsatzkräfte meldeten den letzten Übergriff auf sie nicht. Die Situationen hätten Bagatellcharakter gehabt, außerdem würde sich an der Situation nichts ändern, wenn sie den Vorfall meldeten.
  • Einsatzkräfte, die Opfer von körperlicher Gewalt geworden waren, meldeten den Übergriff in 70 % der Fälle.
  • Etwa die Hälfte der betroffenen Einsatzkräfte sagte, dass der Meldeweg nicht eindeutig beschrieben sei.


Alle wollen mehr Prävention in Aus- und Fortbildung

Die Einsatzkräfte wünschten sich, in der Ausbildung intensiver auf eskalierende Einsatzsituationen vorbereitet zu werden und gewaltpräventive Maßnahmen zu erlernen. Insbesondere Fortbildungen zu Deeskalationstechniken und körperschonenden Abwehrtechniken sind gefragt. Und auch die Forscher plädieren dafür, die Rettungskräfte in Aus- und Fortbildung besser auf kritische Konfliktsituationen vorzubereiten: „Die Gewaltprävention muss angemessen in Aus- und Fortbildung aufgenommen werden, um wirksam werden zu können“, so Thomas Feltes. „Außerdem müssen die Einsatzkräfte sensibilisiert werden, Übergriffe jeglicher Art zu melden. Nur auf dieser Datenbasis können sinnvolle Präventionsmaßnahmen angeboten und ihr Erfolg evaluiert werden.“

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