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Großer Handlungsspielraum bei der Arbeit nicht immer gut

Zu viel Freiheit kann auch psychisch belasten

Wenn Beschäftigte einen gewissen Handlungsspielraum bei ihrer Arbeit haben, ist das besser für ihre psychische Gesundheit – so lautete das arbeitspsychologische Credo bis jetzt. Wer sich seine Arbeit also nach eigenem Ermessen einteilen kann, dem geht es psychisch besser …? Stimmt nicht immer, wie das Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo) jetzt in einer Studie herausfand. Wenn Beschäftigte andere Gefühle "verkaufen" müssen, als sie tatsächlich gerade empfinden, dann kann ein großer Handlungsspielraum schaden. Diese Art von Arbeit, bei der die ehrlichen Gefühle unterdrückt oder gar überspielt werden müssen, nenn man Emotionsarbeit.

Auch die iga hatte "geringen Handlungsspielraum" ("job control") erst vor Kurzem als Risikofaktor für die Psyche benannt. Für Personen, die bei der Arbeit unter Zeitdruck stehen, stimmt das auch nach wie vor. Nur eben nicht für jene, die Emotionen "handeln" müssen. In emotional belastenden Berufen, in denen bestimmte Gefühle nach außen gezeigt werden sollen, scheinen konkrete Richtlinien also hilfreicher zu sein als Freiheiten.

"Unsere Gefühle den Erwartungen des Unternehmens anpassen zu müssen, strengt uns enorm an und kann langfristig zu Burnout führen – ähnlich wie ein auf Dauer zu hoher Workload", erklären die IfADo-Forscher. Sie hatten die Daten von rund 140 Beschäftigten eines Versorgungsunternehmens analysiert. Das Ergebnis: Personen mit hohem Arbeitspensum und vielen Abgabefristen fühlten sich weniger erschöpft, wenn sie die eigenen Arbeitsabläufe selbst bestimmen konnten. Müssen Beschäftigte bei der Arbeit ihre tatsächlichen Gefühle "anpassen", schadet Handlungsfreiheit also mehr als sie nützt.

Logisch ist: Wer Freiheiten hat, ist selbst dafür verantwortlich, den Arbeitstag so zu strukturieren, dass er Aufgaben fristgerecht erledigen. "Das erfordert ein hohes Maß an Selbstkontrolle – ähnlich wie beim Umgang mit Kunden, bei dem wir unsere Gefühle im Griff haben müssen. Beides zusammen kann schnell zu viel werden", so Arbeitspsychologin und Studienautorin Anne-Kathrin Konze.

Das Ziel müsse also sein, den Handlungsspielraum je nach Art der Tätigkeit zu gestalten: Arbeitgeber sollten erst einmal klären, was vom jeweiligen Beschäftigten verlangt werde. Daraufhin könne entschieden werden, wie selbstständig jemand arbeiten sollte. Handele es sich um Tätigkeiten unter hohem Zeitdruck, seien Spielräume förderlich. "Bei emotional belastenden Tätigkeiten beispielsweise im Service- und Verkaufsbereich können jedoch Richtlinien helfen, das Wohlbefinden des Personals zu steigern", rät Konze. Sie nennt Kundenbeschwerden als Beispiel: Beschäftigte, die hier ad-hoc selbst über eine Vorgehensweise entscheiden müssten, fühlten sich schnell überlastet. Vorgegebene Verhaltensstrategien könnten die Beschäftigten in solchen Situationen dagegen entlasten.

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