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Gastgewerbe: Gesundheitsschutz und BEM gibt es kaum

Kellnern – das schafft keiner bis 67

Bei den etwa 2,2 Millionen Menschen, die in Deutschland im Gastgewerbe arbeiten, leidet die Gesundheit oft erheblich. Arbeitgeber treffen allerdings kaum Gegenmaßnahmen, wie Wolfgang Hien, der Leiter des Bremer Forschungsbüros für Arbeit, Gesundheit und Biografie mit Unterstützung der Hans-Böckler-Stiftung in Interviews mit 22 Beschäftigten und Inhabern von Gastronomiebetrieben, Hotels und Klinikküchen herausgefunden hat. Stundenlanges Stehen oder Laufen, das Hantieren mit schweren Tabletts, ungünstige Arbeitszeiten (Arbeiten, wenn andere frei haben) und psychische Belastungen, wie etwa der Druck, sowohl die Wünsche der Gäste als auch die Anweisungen des Vorgesetzten erfüllen zu müssen, sorgen dafür, dass 42 % der Beschäftigten im Gastgewerbe glauben, dass sie aus gesundheitlichen Gründen spätestens mit 50 Jahren aus ihrem Job ausscheiden müssen.

Hien untersuchte speziell, wie Betriebe und Beschäftigte mit chronischen Erkrankungen umgehen. Seine Ergebnisse: Reguläres betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) gibt es in Hotels oder Gaststätten fast nie – obwohl es seit 2004 gesetzlich vorgeschrieben ist. Unter den Befragten fand Hien nur einen Betrieb, der BEM umsetzt. Auch überbetriebliche Hilfen und Beratung würden kaum genutzt. Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) bietet beispielsweise "Hilfen zur Teilhabe am Arbeitsleben" an. Kaum einer der Arbeitgeber oder Beschäftigten kenne dieses Programm. Auch die Möglichkeit, für die Beschäftigungssicherung von behinderten Menschen Beratungs- und Integrationsfachdienste einzuschalten, werde kaum genutzt.


Übrigens: 550.000 der Beschäftigten im Gastgewerbe arbeiten in der Hotellerie und 1,6 Millionen in der Gastronomie. Neun Zehntel von ihnen sind in kleinen und mittleren Unternehmen tätig, mehr als die Hälfte in Teilzeit oder Minijobs. Der durchschnittliche Bruttolohn ist mit 1.870 Euro im Monat mit unter den Schlusslichtern aller Branchen.


Von "ungünstigen bis extrem harten und belastenden und gesundheitlich hoch risikohaften Arbeitsbedingungen" ist in Hiens Working Paper "Kellnern – das schafft keiner bis 67" die Rede. Muskel-Skelett-Probleme seien weit verbreitet: Jeder zweite Befragte leide an Schulter-, Rücken- oder Knieerkrankungen. Der "Arbeitsorientierung" tut das scheinbar keinen Abbruch: Beschäftigte gingen trotz Schmerzen und Gesundheitsproblemen zur Arbeit, "entweder weil sie sich noch bis zur Rente durchbeißen wollen oder müssen oder weil sie an ihrer Arbeit hängen und sich nichts anderes vorstellen können." Typisch sei auch "das resignative Sich-Abfinden, ein Sich-Arrangieren mit einer als alternativlos wahrgenommenen Situation." Mit Medikamenten, Stützgurten oder Fitnesstraining versuchten sich viele "am Laufen" zu halten. Manche ertrügen Schmerzen, Erschöpfung und Müdigkeit bei der Arbeit nur mit Drogen.


Hilfe und Information tun Not

Doch wie kann man eine solch eingefahrene Situation verbessern? Hien appelliert an die Sozialversicherungs- und Reha-Träger: Sie sollten Kooperationen ausbauen und über Hilfsangebote aktiv informieren. Spezielle Präventionsprogramme für eine rücken- und gelenkschonende Arbeitsweise im Gastgewerbe seien außerdem nötig.

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