Nachricht

Körperliche Arbeit: Gefährdungen und Ergonomie-Tipps

Arbeitsschutz-Maßnahmen für Produktion, Industrie, Lager & Co.

650 Muskeln, 200 Knochen, mehr als 100 Gelenke: Das komplexe Muskel-Skelett-System des Menschen ist ein Wunderwerk, auf das Sie auch bei körperlichen Belastungen am Arbeitsplatz aufpassen sollten! Das Zauberwort heißt Ergonomie – ein großes Arbeitsschutz-Thema, das wirklich alle Arbeitsplätze betrifft. Und so individuell wie Arbeitsplätze sind, so individuell sollte die ergonomische Gestaltung auch betrachtet werden. Der Sinn der ergonomischen Arbeitsplatzgestaltung: gesunde und motivierte Mitarbeiter, dadurch weniger Fehlzeiten und bessere Arbeitsergebnisse.


Übrigens: Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE) verursachen jedes Jahr die meisten Fälle von Arbeitsunfähigkeit. Bei 20,9 %  der Krankschreibungen in 2018 lautete die Diagnose "MSE". Damit waren sie wieder einmal die häufigsten Gründe für Fehlzeiten.


Für die Ergonomie eines Arbeitsplatzes sollten Sie folgende Bereiche beachten:

  • die Arbeitsumgebung. Hierzu zählen physische, physikalische oder chemische Faktoren, wie etwa das Raumklima, ausreichend Platz, eine gute Beleuchtung möglichst nach ASR A3.4 …
  • die Arbeitsmittel. Dazu gehören Werkzeuge, Maschinen, technische Geräte, Ausstattungsgegenstände wie Monitor, Computermaus, Tastatur …
  • die Arbeitsabläufe/die Arbeitsorganisation. Repetitive monotone Bewegungen und keine Abwechslung in der Bewegung sind nur zwei Beispiele für verbesserungswürdige Arbeitsabläufe.


Für Büroarbeitsplätze scheint die Lage klar: Ergonomische Stühle, Tische, genug Platz, ein gutes Raumklima und eine gute Beleuchtung oder intuitiv bedienbare, gut übersichtliche Software machen einen Büroarbeitsplatz ergonomisch. Komplizierter gestaltet sich die Sache mit der Ergonomie in Produktion, Lager, Industrie & Co, wenn körperlich belastende Arbeiten ausgeführt werden müssen. Viele unterschiedliche Tätigkeiten und Prozesse erfordern verschiedene Maßnahmen, um Ergonomie herzustellen. Ergonomische Belastungen durch körperliche Arbeit können sein:

  • Zwangshaltungen: Arbeiten im Knien oder in der Rumpfbeuge, Über-Kopf-Arbeit ...
  • Manuelle Lastenhandhabung: Heben, Tragen, Schieben, Ziehen, Halten
  • Vibrationen und Schwingungen – Ganzkörpervibrationen etwa beim Gabelstaplerfahren oder Hand-Arm-Vibrationen (HAV) beim Benutzen von Werkzeugen
  • Manuelle repetitive Bewegungen: klopfen, greifen, drücken, hämmern …
  • Tätigkeiten, die viel Kraft erfordern
  • Nicht-ergonomische Gestaltung von Maschinen und Mensch-Roboter-Systemen

Sie suchen die passende ergonomische Maßnahme für einen Arbeitsplatz? Wie immer im Arbeitsschutz gilt das Stop-Prinzip:

  • Substitution: Versuchen Sie zuerst, die gefahrbringende Tätigkeit durch eine weniger gefährliche Alternative zu ersetzen. Vermeiden Sie zum Beispiel, dass schweres Heben und Tragen überhaupt nötig wird, indem Sie den Arbeitsprozess verändern.
  • Reduziert das die körperliche Gefährdung nicht ausreichend oder gibt es keine Alternative zur gesundheitsgefährdenden Tätigkeit, ergreifen Sie technische Arbeitsschutzmaßnahmen. Nutzen Sie beispielsweise technische Hilfsmittel wie Sackkarren, Hubtische oder Hebehilfen.
  • Wenn auch diese das Risiko nicht ausreichend reduzieren, müssen Sie organisatorische Maßnahmen ergreifen. Beispiele: Sorgen Sie für Erholungs-Pausen und dafür, dass sich körperlich belastende und nicht belastende Tätigkeiten abwechseln. Minimieren Sie Lastgewichte oder die Häufigkeit des notwendigen Hebens und Tragens …
  • Erst als letzte Möglichkeit sollten Sie persönliche Schutzmaßnahmen einführen, zum Beispiel das Tragen von PSA oder die Benutzung von körpergetragenen Assistenzsystemen wie etwa Exoskeletten.


Mögliche Lösungen für ergonomische Probleme:

Variable, individuelle Einstellmöglichkeiten: Mobiliar, also Tische, Stühle, aber auch Arbeitsstationen in der Produktion oder Montage sollten so gut wie möglich auf individuelle Bedürfnisse angepasst werden können. Auch bei der Mensch-Roboter-Kollaboration sind individuelle Einstellmöglichkeiten nützlich, schließlich soll die enge Zusammenarbeit mit der Maschine dem Menschen meist körperlich belastende Tätigkeiten abnehmen und nicht dafür sorgen, dass neue entstehen.

Abwechslungsreiche Tätigkeit und dadurch Belastungswechsel: So reduzieren Sie zum Beispiel Zwangshaltungen, zu langes Knien oder arbeiten über Brusthöhe. Auch kurze Pausen mit kleinen Bewegungs-Übungen können helfen, solche körperlichen Belastungen auszugleichen.

Ergonomische Hilfsmittel: Ob Hubwagen, Sackkarren oder andere Transporthilfsmittel zum Transportieren, ob Hebehilfen zum Heben und Tragen – ergonomische Hilfsmittel gibt es einige und die sollten nach Möglichkeit zur Verfügung gestellt werden. Gesetzliche Basis ist hier die Lastenhandhabungsverordnung (LasthandhabV). In dieser finden sich zwar keine konkreten Grenzwerte dazu, wie schwer Lasten sein dürfen, damit Beschäftigte sie überhaupt händisch bewegen dürfen. Stattdessen hat der Länderausschuss für Arbeitsschutz und Sicherheitstechnik (LASI) Leitmerkmalmethoden entwickelt, mit denen Sie ausrechnen können, ob Beschäftigte zu schwer heben, tragen, schieben oder ziehen. Neben dem Gewicht der Last spielen auch die Leitmerkmale Zeitdauer/Häufigkeit, Körperhaltung und Ausführungsbedingungen eine Rolle.


Übrigens: Grundsätzlich gilt: Lasten von mehr als 40 Kilogramm Gewicht sind für Männer ein Gesundheitsrisiko. Bei Frauen gilt eine ergonomische Empfehlung von 25 Kilogramm. Werdende Mütter sollten höchstens 10 Kilogramm heben und tragen und das auch nur selten. 5 Kilogramm gelten als Grenze, wenn sie eine Last öfter händisch bewegen müssen.


Ergonomische Maschinen: Je besser eine Maschine zu bedienen ist und je ergonomischer sie designt ist, desto eher vermeiden Sie Maschinenmanipulation. Die Beschäftigten können die Maschine gut bedienen und haben nicht das Gefühl, ergonomisch eingeschränkt zu sein.

Alternative Materialien, Werkstoffe, Werkzeuge: Wählen Sie Werkzeuge mit ergonomischen Griffen, geringem Eigengewicht und möglichst einfacher Anwendung. Lärm- oder schwingungsarme Werkzeuge schützen ebenfalls die Gesundheit der Beschäftigten.

Assistenzsysteme: Der technische Fortschritt bringt immer mehr Assistenzsysteme mit sich, die die Arbeit erleichtern sollen. Zu nennen sind hier Wearables, Roboter für Handlingprozesse, oder Exoskelette. Auch hier muss wieder die Ergonomie betrachtet werden. Sind Datenbrillen beispielsweise zu schwer oder bekommen die Beschäftigten nicht ausreichend gezeigt, wie diese Wearables zu nutzen sind, ergeben sich daraus wieder ergonomische Gesundheitsgefahren. Auch welche Auswirkungen solche Head-Mounted-Displays auf die Psyche haben, ist noch nicht ausreichend erforscht. Ein großes Thema sind hier auch Orthesen, die Beschäftigte ergonomisch unterstützen sollen.

Ausgleichsübungen für zu Hause oder für Pausen: Lernen Sie, wie Sie ergonomischen Problemen, die durch Ihre Arbeit entstehen, mit kleinen Sportübungen entgegenwirken.


Zukunftsmusik? Exoskelette und Assistenzsysteme

Die Erfindung von Assistenzsystemen und ergonomischen Hilfen ist in einer steten Entwicklung. Erstaunlicherweise gilt aber auch im Jahr 2019 noch: "Bisher ist es ziemlich aufwendig, Bewegungen im Fabrikalltag zu analysieren und zu bewerten." Forscher des Instituts für Integrierte Produktion Hannover (IPH) arbeiten daran und entwickeln derzeit eine Kamera, die in Echtzeit die Bewegung von Beschäftigten analysiert, direkt auf gesundheitsschädliche Körperhaltungen aufmerksam macht und Alternativen anbietet. Neu daran ist die Echtzeitmessung und dass die Analyse ausschließlich auf den Kameradaten beruht. Der Beschäftigte, der vermessen wird, muss also nicht "verkabelt" werden und muss keinen Messanzug und keine störenden Sensoren am Körper tragen.

Auch die Wirkung von Exoskeletten auf den Träger ist noch nicht wirklich gut erforscht. "Über die Auswirkungen einer dauerhaften Nutzung von Exoskeletten kann derzeit noch keine Aussage getroffen werden. Hier steht die nationale Forschung in verschiedenen Projekten noch am Anfang", erklärt die BG ETEM. Bei diesem ergonomischen Hilfsmittel muss die Ergonomie also noch wesentlich besser untersucht werden. Fakt ist: Exoskelette nützen erst etwas, wenn Beschäftigte größere Beugewinkel ausführen müssen. Selbst wenn ein Exoskelett die Überkopfarbeit erleichtert, so bleibt sie dennoch ein gesundheitliches Risiko für die Beschäftigten. Durchblutungsstörungen und Nackenschmerzen können entstehen, obwohl das Exoskelett die Bewegung aktiv unterstützt und erleichtert. Gerade an stationären, also festen Arbeitsplätzen gebe es oft bessere ergonomische Maßnahmen als der Einsatz eines Exoskeletts. Das Institut für Arbeitsschutz (IFA) erklärt: "Der Einsatz von Exoskeletten an gewerblichen Arbeitsplätzen ist gründlich zu überlegen und benötigt in der Regel kompetente Unterstützung und Beratung aus verschieden Fachdisziplinen. Auch die neu anzufertigende Gefährdungsbeurteilung für den Arbeitsplatz in Verbindung mit einem bestimmten Exoskelett benötigt besondere Sorgfalt, da zusätzliche Gefährdungen in Betracht gezogen werden müssen." Da die meisten derzeit erhältlichen Exoskelette eher als persönliche Arbeitsschutz-Maßnahme und weniger als technische Arbeitsschutz-Maßnahme gesehen werden können, steht die Anschaffung eines solchen Assistenzsystems sowieso eher am Ende der STOP-Kette.

Es gibt also eine große Auswahl an ergonomischen Arbeitsschutz-Maßnahmen für Arbeitsplätze mit körperlichen Gefährdungen. Bei einigen ist zu beachten, dass der ergonomische Vorteil größere Nachteile mit sich bringt – eine Abwägung von Nutzen und Schaden ist also notwendig. Ergonomie und Arbeitsschutz auf Basis einer Gefährdungsbeurteilung schützen Beschäftigte und sorgen für gesündere und motiviertere Belegschaften.

Auch diese Nachrichten könnten Sie interessieren:

Durch die Nutzung unserer Website stimmen Sie zu, dass Cookies in Ihrem Browser platziert werden.  [mehr erfahren] OK, verstanden