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Wie bitte? Hörschäden zählen zu häufigsten Berufskrankheiten

Wegen fehlender Schmerzwarnung ist frühzeitiger Schutz ein Gebot der Disziplin

Das menschliche Gehör ist schnell, empfindsam, selektiv und präzise. Das nur erbsengroße Innenohr befähigt uns, Frequenzen von 16 bis 20 000 Hertz zu unterscheiden und feinste Geräusche wie das Trippeln einer Maus wahrzunehmen. Das Gehör ermöglicht uns die exakte Orientierung im Raum, warnt uns vor Gefahr, löst Reflexe aus, weckt Emotionen und dient der Verständigung.
Doch diese Leistungsfähigkeit ist sehr verletzlich: Der Schuss einer Pistole oder der Knall eines Airbags sind akute Lärmeinwirkungen, die die Haarzellen des Innenohrs schädigen können. Auch chronische Lärmbelastungen können zu Schäden führen. Die Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) erlaubt daher in Arbeitsräumen, bezogen auf einen Acht-Stunden-Tag, höchstens 85 dB.
Warum setzen viele Menschen ihre Ohren trotzdem so sorglos Lärmbelastungen aus, am Arbeitsplatz ebenso wie in der Freizeit? Heimtückisch ist, dass der Körper für Lärm keine Schmerzwarnung gibt. Hörstörungen wie Tinnitus oder Hörsturz treten plötzlich auf und oft nicht in Verbindung zu einer akuten Lärmeinwirkung. Irreversible Schwerhörigkeit aufgrund von Lärm entwickelt sich über viele Jahre und wird daher häufig erst sehr spät bemerkt.
Eine lärmbedingte Hörschädigung zeigt sich oft erst in höheren Jahren, verstärkt durch die natürliche Hörminderung, die bei steigendem Alter auftritt. Nach Zahlen der Schweizerischen Unfallversicherung Suva wirkt sich ein Lärmhörschaden etwa wie eine zusätzliche Alterung des Gehörs um 10 bis 20 Jahre aus. Daher ist es wichtig, das Gehör vom Berufsstart an konsequent, richtig und ständig vor zu hoher Lärmbelastung zu schützen. Nach Zahlen des Instituts für Arbeitsschutz (IFA) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) werden jährlich mehr als 6500 neue Fälle von Lärmschwerhörigkeit als Berufskrankheit anerkannt. Etwa ein Viertel aller Erwerbestätigen zwischen 50 und 65 Jahren habe einen Hörschaden. In vielen Branchen – vom Baugewerbe bis zur Nahrungsmittelindustrie – bleibe Lärm am Arbeitsplatz daher ein wichtiges Thema im Arbeitsschutz.
Nach einer Studie des Instituts für Gesundheitsökonomik (IfG) München vom August 2011 zur volkswirtschaftlichen Auswirkung von Hörschäden zählen Hörstörungen in den Industrieländern zu den großen Volkskrankheiten, mit ca. 14 Millionen Betroffenen in Deutschland. Sie können zahlreiche Folge-Erkrankungen auslösen, beispielsweise Depressionen, Demenz oder Verletzungen. Nicht nur die Hörschäden selbst, sondern auch die Folge-Erkrankungen verursachten dann Produktionsausfälle und Krankheitskosten. Volkswirtschaftlich nicht messbar ist die Einschränkung der Lebensqualität für die Betroffenen. Gründe genug, das eigene Gehör zu schützen.

Drei Prioritäten

Zu allererst sollte Lärm vermieden werden – durch leisere Geräte, Kapselung von Maschinen und lärmarme Verfahren. Das IFA informiert in einer Web-App über Bezugsquellen für geräuscharme Werkzeuge und Materialien.
Zweitens können bauliche und raumakustische Maßnahmen die Schallausbreitung senken.
Genügt das nicht, um die individuelle Lärmexposition unter 85 dB zu bringen, sind arbeitsorganisatorische Maßnahmen nötig sowie ein wirkungsvoller Gehörschutz. Auf die Auswahl passender Gehörschutzmittel sollte viel Sorgfalt gelegt werden, damit einerseits ein ausreichender Schutz, andererseits eine möglichst geringe Abschottung erreicht wird (für Sprache, Warnsignale etc.). Wichtig ist auch die korrekte Anwendung des Gehörschutzes im Rahmen einer Unterweisung.

Fünf Tipps zum Lärm- und Gehörschutz:

Vermeiden: Lärmbelastung vermeiden durch getrennte Räume, leisere Maschinen und Geräte, lärmarme Methoden.
Reduzieren: Die Schallausbreitung mit baulichen und raumakustischen Maßnahmen senken.
Schützen: Beschäftigte organisatorisch oder mit geeigneten Gehörschutzmitteln vor zu großer Lärmbelastung bewahren.
Schonen: Wenn bereits ein unangenehmes Gefühl im Ohr oder ein Ohrgeräusch aufgetreten ist, sollte ein Betroffener sich bis zu 24 Stunden an einem ruhigen Ort ausruhen.
Im Notfall: Bei plötzlicher ein- oder beidseitiger Schwerhörigeit (Hörsturz), oder wenn nach einem akuten, sehr lauten Ereignis die Ohren taub sind oder schmerzen, unverzüglich den Arzt aufsuchen.

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