Nachricht

Arbeitszeit - flexibel, sicher und gesund

IAG-Report widmet sich Chancen, Risiken und Anforderungen der Zeitgestaltung

Für „Arbeitszeit“ wird man entlohnt, die übrige Zeit gilt dem Privatvergnügen. Was früher leicht zu trennen war, verschwimmt zunehmend in einer „Arbeiten 4.0“-Wolke, die alles flexibler macht – und unwägbarer. Doch der Arbeit muss ausreichende Erholung gegenüberstehen. Deshalb ist die Gestaltung von Arbeitszeit ein wichtiges Thema für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit.

Das Institut für Arbeit und Gesundheit (IAG) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) hat im Dezember einen Report mit dem Titel „Arbeitszeit sicher und gesund gestalten“ herausgegeben, der Präventionsfachleuten, Führungskräften und Beschäftigten als Orientierung dienen soll.

Nicht nur ertragreich, sondern auch menschengerecht soll die Arbeitszeit gestaltet werden. Neue Flexibilisierungsansprüche bedürfen also zeitgemäßer Regelungen, um beides zu gewährleisten. Das enge Korsett überkommener Vorschriften soll gelockert werden, ohne dass Arbeitszeit-Vorgaben als schützendes Korrektiv wegfallen.

Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten sind elementar für deren Leistungsfähigkeit. Wer Arbeitszeit gestalten will, sollte wissen: Wie steigt das Risiko eines Unfalls oder einer Erkrankung, wenn länger gearbeitet wird und Erholungszeiten entfallen? Welche Chancen und Risiken gehen mit flexiblen Arbeitszeitmodellen einher? Wie kann Schichtarbeit gesundheitsverträglich gestaltet werden? Und: Wie können Verantwortliche widerstreitende Anforderungen unter einen Hut  bringen?

Der IAG-Report fasst Erkenntnisse zusammen, die die Forschung liefert, die Gemeinsame Arbeitsschutzstrategie mit dem Arbeitsprogramm Psyche sowie weitere Fachleute für Prävention.

Gesetzliche Grundlagen:

Die Europäische Arbeitszeitrichtlinie markiert Mindestvorschriften für Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Arbeitsplatzgestaltung, z.B. wöchentliche Mindestruhezeiten und eine wöchentliche Höchstarbeitszeit.

Das Arbeitszeitgesetz (ArbZG) steckt den Spielraum enger: werktäglich acht Stunden Arbeitszeit mit Ruhepausen von 30 Minuten nach sechs Stunden sowie eine Ruhezeit von elf Stunden bis zum nächsten Arbeitsbeginn. Abweichungen auf Grundlage einer Betriebs- oder Dienstvereinbarung sind möglich, sofern sie „menschengerecht“ sind – auch bei der Gestaltung von Nacht- und Schichtarbeit.

Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG) : Jugendliche ab 15 Jahren dürfen nicht mehr als acht Stunden täglich und 30 Stunden pro Woche arbeiten; an Wochenenden und in der Nacht nur ausnahmsweise.

Mutterschutzgesetz (MuSchG) : Zusätzliche Begrenzung der Arbeitszeit; Nachtarbeit ist nur unter besonderen Bedingungen erlaubt.

Auswirkungen langer Arbeitszeiten

Wachheit, kognitive Leistung und Produktivität nehmen mit steigender Arbeitszeit ab. Die Unfallrate dagegen steigt bereits ab der achten Arbeitsstunde nach Arbeitsaufnahme deutlich an.

In Studien zu Überstunden und erweiterten Schichten ließen sich nachweisen:

  • Eine höhere Verletzungsrate
  • Mehr Krankheiten
  • Ein schlechterer subjektiver Gesundheitszustand
  • Erhöhte Mortalität
  • Gewichtszunahme
  • Vermehrter Alkohol- und Tabakkonsum

Je häufiger innerhalb der Woche länger gearbeitet wird, desto schneller ermüden Beschäftigte. Erst am nächsten arbeitsfreien Wochenende sinkt dieser Wert wieder ab.

Auch „atypische“ Arbeitszeiten (sehr früh morgens oder abends und nachts, an Wochenenden) wirken sich gesundheitlich aus. Psychische und körperliche Beschwerden sind belegt. Negative Effekte gibt es auch im Privatleben. Frei zu haben, wenn andere arbeiten, gleicht den Verlust gemeinsamer Freizeit nicht aus. Öffentliche Verkehrsmittel und Kinderbetreuungszeiten sind ebenfalls nicht auf die Bedürfnisse atypisch Beschäftigter ausgelegt.

Psychische Belastung

Stressbedingte Krankschreibungen und psychische Belastungen nehmen nach Erhebungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zu. Merkmale der Arbeitszeit zählen dabei zu den wichtigsten Belastungsfaktoren. Deshalb muss die Arbeitszeit bei der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigt werden.

Grundsätze gelingender Arbeitszeitgestaltung:

  • Einbeziehung der Beschäftigten
  • Planbare und vorhersehbare Arbeitszeiten
  • Vermeidung von Überstunden
  • Dauer der Arbeitszeit an die Intensität der Arbeit anpassen
  • Ausreichend Ruhezeit für vollständige Erholung gewähren

Die Broschüre gibt Beispiele für die ergonomische Gestaltung von Arbeitszeiten. Sie zählt Ausnahmen auf, wann längere oder atypische tägliche Arbeitszeiten ausnahmsweise akzeptabel sind.

Sie gibt Empfehlungen für Arbeitspausen und Ruhezeiten. Sie warnt vor der Wirkung von Medikamenten zum „Hirndoping“, mit der Beschäftigte zunehmend auf individuelle Überforderung reagieren. Sie beschreibt den Zusammenhang von Schichtarbeit und Unfallrisiko und macht Vorschläge für eine verträgliche Organisation der Schichtarbeit, wo sie sich nicht vermeiden lässt. Zu vielen in der Broschüre angerissenen Themen sind Links gesetzt, über die man sich tiefer gehend online informieren kann.

Der Entgrenzung von Arbeitszeit durch Digitalisierung und Globalisierung ist ein Kapitel gewidmet. Die Chancen und Herausforderungen von Homeoffice, zeitflexiblem Arbeiten und ständiger Erreichbarkeit werden beschrieben. Die IAG macht Vorschläge zur Prävention und zur näheren Gestaltung solcher Tätigkeiten.

Das letzte Kapitel nimmt die Lebensarbeitszeit in den Blick: In beruflichen Biografien wird häufig die Arbeitszeit der aktuellen Lebensphase angepasst. Vollzeit, Teilzeit, Sabatical, angestellt und selbstständig – all das kann im Arbeitsleben einer Person vorkommen. Viele Unternehmen bieten „Konten“ an, auf denen Mehrarbeit als Guthaben verbucht wird, das zu einem späteren Zeitpunkt genutzt werden kann. Sofern das nicht beim Ansparen zur Überlastung führt, ist dagegen nichts einzuwenden.

Ein Anhang mit vielen Vertiefungslinks und Literaturhinweisen rundet die Publikation ab, die Sie über den nebenstehenden Link kostenlos downloaden können.